Mittwoch Mittag in Hamburg St. Georg. Ich treffe Claudia, die Veranstalterin, und Sabrina, Verantwortliche für die Filmdrehs. Wir müssen den Transporter mit dem Büro befüllen – Drucker, Stifte und kistenweise Krimskrams werden gutmütig vom Sprinter verschluckt.
Schnell noch Künstlerverpflegung mit Claudia besorgen. Dance yourself to Death haben frischen Ingwer geordert. MEN haben etwas auf dem Zettel stehen, was weder Gastro-Profi Claudia noch ich als freudige Konsumentin verstehe, irgendeine seltene Sorte Alkohol wahrscheinlich. Nein, Drogen waren es nicht.
Schokoriegel, Powerriegel, das gibt’s alles hier nicht bei Budni. Stattdessen wandern Reiswaffeln und Bio-Leckereien in den Einkaufswagen. Ist noch viel teurer als der angeforderte Süßkram – aber vielleicht etwas zu
gesund für die Amis und Canadians unter den Künstlern, wer weiß…
Claudia überfällt noch schnell ihre Bank, um Wechselgeld zu besorgen und dann geht es voll beladen Richtung Ostsee, mit einem kleinen Abstecher bei einer Schreinerei – die Verkleidungen für die DJ-Pulte müssen abgeholt werden. Nun platzt der Sprinter fast endgültig und wir tingeln endlich dem Ziel entgegen.
Mittwoch und Donnerstag sind gefüllt mit Büro aufbauen, Merchandising Shop an den Start bringen, 4000 Welcome Bags mit L-Mag, Flip-Flops, Aufklebern, Shooter und Postkarten befüllen, einen Schock erleiden, weil Eyjafjallajökull in Island auf seine Existenz hinweisen will und mit seiner Aschewolke einen Flughafen nach dem anderen außer Gefecht setzt. Panisches Herumtelefonieren und Umdisponiererei. Am meisten gefährdet ist der Auftritt unseres Main-Acts: Uh huh her. Sie können schließlich nur noch in Paris landen, das Orga-Team zaubert irgendwie noch einen Mietwagen herbei (im Laufe des Tages gibt es nirgendwo mehr welche), und der Drummer Josh fährt zwölf Stunden hoch bis zum Weissenhäuser Strand.
Die Sängerin Horse erwischt es eiskalt, Flughafen England ist bereits geschlossen und sie muss ihren Auftritt absagen. Ebenso die Djs Helle und Katja Gustafsson aus Skandinavien. Die Telefone laufen heiß, Djs müssen einspringen, es ist ein unglaubliches Termingewusel. Immer, wenn du denkst, es ist vollbracht, kommt etwas anderes mit Macht! Abends schmeißt Claudia eine kleine Teamparty, wir sind alle enthusiastisch und freuen uns auf den nächsten Tag!

Freitag: gegen Mittag wächst vor der Rezeption eine Schlange – alle wollen zu L-Beach! DJ Hildegard spielt in der Vorhalle auf, um die Wartezeit zu verkürzen. Immer voller wird die Anlage, bis man irgendwann fast nur noch Frauen sieht, lediglich vereinzelt stolpern regionale Feriengäste aus dem Badeparadies oder der Minigolf-Anlage.
Kick-Off um 18 Uhr mit Jenny Shimizu und Lucy Diakovska. Das Zelt ist etwa zur Hälfte gefüllt, viele genießen noch den sonnigen Abend am Strand oder erholen sich im Appartment. Ella Bandita legen als erste Band los und heizen den Mädels gut ein. Ich widme mich wieder meinen Aufgaben und renne zwischen meinen Floors herum.
Heute geben sich unter anderem Steffi List, Dance yourself to Death, BETTY und Fagget Fairys die Ehre. Letztere rocken das Haus bis zum Anschlag, die anderen Auftritte habe ich leider aus Zeitmangel nicht gesehen.
Der nächste Tag beginnt gleich wieder actiongeladen, die ersten Djs gehen am Mittag bereits an den Start, im Rondell laufen seit dem frühen Morgen Filme.
Im Circus (dem Zelt) und in der Hall stehen Soundchecks auf dem Programm. Anatomie Bouscoulaires Schlagzeugerin, hat durch die zwölfstündige Autofahrt einen komplett verspannten Nacken und kann kaum spielen. Dank der schnellen Hilfe von Conny, die eigentlich nur als Gast auf dem Gelände ist, und von Berufs wegen Menschen entknotet, ist sie dann doch fit für den Auftritt. Künstlerbetreuerin Sonja fällt ein Stein vom Herzen!

DJ Hildegard
Frau Hoppe schwingt sich herein zum Soundcheck. Sie hat bereits gestern bei mir in der Lounge aufgelegt und berichtet, dass ihr irgendwann danach ein Bier in die Tasche gefallen ist. Ihre Tagesbeschäftigung bestand daraufhin aus CDs waschen und (einzeln!!) trocknen.
Die Arme! Aber da sie auch Platten dabei hat, bringt sie das überhaupt nicht aus dem Konzept.
Heute ist der Tag in der Anlage übrigens exklusiv den L-Beach Gästen vorbehalten, das heißt, auf dem gesamten Gelände gibt es keine anderen Gäste, vom Dschungelland übers Minigolf bis zum Badeparadies, in jedem Restaurant und allen Event Locations nur Frauen! Viertausend an der Zahl…
Als ich mit 18 Jahren bei den Lesbisch-Schwulen Filmtagen war, tauchte ich für den Abend in eine andere Welt ein. Nur handelte es sich da um einen Kinosaal gefüllt mit Frauen. Keiner hätte sich in den 90ern vorstellen können, dass irgendwann ein komplettes Ferienresort restlos durch Frauen ausverkauft ist!
Auf dem Konzertplan für heute stehen unter anderem Elli, MEN und Uh huh her. Es ist unglaublich voll überall, ich schlängele mich durch die Massen und sehe schon den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Bei viertausend Lesben schaut man dann doch nicht mehr jede einzeln an, es wäre Overdosis!
Der Zeitpunkt naht: Uh huh her treten gleich auf. Das Zelt hat ein Fassungsvermögen von 4000 Leuten und ist voll bis zum Eingang. Es ist ein erhebender Moment und ein tolles Gefühl. Das Orga-Team wartet aufgeregt im Backstage-Bereich. Es geht los. Uh huh her werden von Stage-Managerin Julia auf die Bühne geschickt. Auch wenn nicht alle mitmachen, das Kreischen der Menge erreicht sicherlich Düsenjetlautstärke, Jubel und Klatschen empfängt die amerikanische Band um L-Word Darstellerin Leisha Hailey.
Dieser Auftritt ist der Höhepunkt des Festivals, und wir sind froh, dass alles geklappt hat. Claudia wird zu ihrem Erfolg beglückwünscht, in den Arm genommen und geherzt, sie strahlt!

Jenny Shimizu
Der Sonntag steht ganz im Zeichen der Entspannung. Ein Tag noch, der klappen muss, aber das meiste haben wir bereits gestemmt. Etliche Gäste pilgern zum Strand, denn immer noch beehrt uns Miss Sunshine. In der Hall findet eine Diskussion statt zu dem Thema Diskriminierung von Frauen im Profisport. Der Saal wurde zu diesem Zweck bestuhlt, es gibt eine moderierte Talkrunde. Ich muss kurz rein, um Claudia zu finden und staune: der Saal ist voll! Weiter geht’s, wieder zur Lounge. Auf der direkt nebenan gelegenen Terasse entspannen einige Gäste, ein Grüppchen junger Mädels hält ab und zu ein Schild hoch „Denmark Sweden – going North“, offensichtliche Vulkanopfer oder einfach nur Sparfreudige, die eine Mitfahrgelegenheit suchen. Ihre Laune wird dadurch offensichtlich nicht vermiest, sie feiern einfach weiter, als wäre es noch Samstag Nacht.
Auf der Tanzfläche steppt der Bär, mich wundert es bei dieser Uhrzeit! Erst nach einiger Zeit beruhigen sich die Frauen und suchen erneut die Sonne auf. Langsam kommen sie runter, von Feierlaune in Chillmodus. Die Lounge ist der letzte Floor, auf dem noch etwas stattfindet. Kurz nach 18 Uhr schließe ich die Türen zur Terasse. 
Die meisten Gäste reisen ab, aber einige haben verlängert und bleiben noch. Die Anlage leert sich zusehends, es wird ruhiger. Am Abend gesellen wir uns zu den Bands im Hotelrestaurant und gehen anschließend mit ihnen in die Spielhalle. Erst wird gebowlt, dann alles kreuz und quer gespielt. Kicker, Flipper, Basketballkörbe werfen, alles was der Raum hergibt. Mit von der Partie sind MEN, Jenny Shimizu, Anatomie Bouscoulaire und BETTY. Die Halle ist leer bis auf zwei kleine Gruppen von Frauen, die auch gleich ganz neugierig rüberschauen.

Lucy und Veranstalterin Claudia
Wir vom Team kommen nun auch langsam runter. Die ersten lustigen Anekdoten machen die Runde. Auch dieser Tag geht dann immerhin noch bis ein Uhr nachts. Ich habe mittlerweile Dauer-Fußschmerzen und bin völlig übermüdet, wie jede hier.
Der anschließende Tag steht ganz im Zeichen des Abbaus, und am Abend verlasse ich die Anlage. Tschüss, Weissenhäuser Strand – bis 2011! 